Australienreise 2007


Die meisten Menschen haben irgendeinen Ehrgeiz. Meine Frau Gisela und ich sind da keine Ausnahme. Wir haben folgenden Ehrgeiz: wenn’s eben möglich ist, möchten wir in jedem Land, in dem wir uns länger als eine Woche aufhalten, mindestens einen Fluss befahren.

Bis 2006 hatte das in 26 Ländern geklappt. Aber würde es auch auf unserer für 2007 geplanten Australien-Reise klappen? Australien ist bekanntlich ein trockenes Land, vor allem im Zeitraum unseres vorgesehen Aufenthaltes (März bis Mai). Zwar gibt es dort das über 3000 km lange Murray-Darling-Flusssystem, aber das liegt außerhalb unserer vorgesehen Reiseroute. Außerdem soll es wegen Verbauungen wenig attraktiv sein.  Und sonst? Von unserer Tochter Susanne wussten wir, dass es bei Perth (Western Australia) einen Fluss gibt, auf dem sie an einem WW-Rennen teilgenommen hat. Name? Vergessen!

Bei der Übernahme unseres Campervans in Perth entdeckten wir zufällig einen Kanu-Ausrüster und –vermieter mit dem Firmennamen ‚Canoeing Down Under’, kurz CDU. Ja, er könne uns vielleicht helfen, versprach der Firmenchef, ein altgedienter Kanu-Fahrensmann, der offensichtlich unseren Ehrgeiz verstand. Hoffung keimte in uns auf.

Aber zuerst wollten wir den Südwesten Australiens bereisen. Vielleicht würde sich dabei schon eine Paddelmöglichkeit ergeben. Tat sie nicht. Creeks und Rivers, die wir kreuzten, waren trocken oder bestanden nur aus einzelnen Wasserlöchern. Straßenschilder, die auf Überflutungsgefahr hinwiesen, wirkten wie ein schlechter Scherz.

Dann lasen wir in einem Reiseführer, dass in der Murchison River-Schlucht Kanufahren möglich sei. Also hoch nach Norden, nach Karbarri.

Im Touristenbüro erfuhren wir: ja, Kanufahren sei auf sechs Kilometer möglich. Zu wenig für uns. 15 Kilometer müssen es schon sein, sonst ist es kein richtiger Flusspunkt.

Wir sahen uns die Murchison Schlucht an. Grandios, wie ein kleiner Grand Canyon. Aber durchgehende Befahrung unmöglich.

Zurück auf dem Weg nach Süden erfuhren wir, dass man auf dem Moore River paddeln kann. Also nix wie hin.

Ja, eine Strecke von zehn Kilometer könne man paddeln. Immerhin schon mehr als auf dem Murchison River, aber immer noch nicht die erforderlichen 15 Kilometer.

Nach drei Wochen waren wir wieder in Perth. Jetzt kamen wir auf das Angebot von Terry, dem Chef von ‚Canoeing Down Under’ zurück.

Wir mieteten einen CII und befuhren den Swan River. 16 Kilometer ohne Strömung, aber durch eine schöne Parklandschaft mit jeder Menge Wasservögeln, zum Beispiel Kormoranen und Ibissen.

Diese Paddeltour riss uns nicht gerade vom Hocker, aber unser Wunsch, ‚ein Fluss in Australien’, war erfüllt. 

Jetzt war der Bann gebrochen. Vielleicht würde es in den noch anstehenden fünf Wochen weitere Paddelmöglichkeiten geben, sozusagen als ‚Kür-Programm’. Dass wir in den folgenden Wochen im Outback nichts Paddelbares finden würden, war uns klar. Der Finke River, der größte Fluss im Outback, ließ da keinerlei Illusionen aufkommen.

Ayers Rock (Uluru), Kings Canyon und die Olgas entschädigten uns dafür allemal.

Auf dem Flug von Alice Springs nach Sydney überlegten wir: Würden wir auf unserer Fahrt von Sydney nach Cairns, immerhin eine Strecke von rund 2400 Kilometern, noch einmal zum paddeln kommen?

New South Wales: tolle Schluchten in den Blue Mountains. Aber nix zum paddeln. Dafür Scharen von Kängurus rund um den Frühstückstisch.

Am Nymboida River fanden wir einen Bootsvermieter. Der vermietete Boote aber nur bei geführten Fahrten. Und einen Führer hatte er gerade nicht zur Verfügung. Also wieder eine Nullnummer.

In Queensland überquerten wir mehrere Flüsse, die sogar Wasser enthielten. Aber sie waren nicht attraktiv, da gezeitenabhängig. Außerdem warnten uns Einheimische vor Krokodilen, die die Unterläufe der Flüsse unsicher machten. Und die Biester werden über sieben Meter lang! Da hört der Spaß auf.

Aber dann, circa 100 Kilometer südlich von Cairns, kam es dann doch zu einer Paddeltour, einer der besonderen Art. Nicht Kanufahren, sondern Raften wurde angeboten. Und zwar auf dem Tully River.

Wir schlugen zu und erlebten einen Höllenritt, wie wir ihn noch nie erlebt hatten. 17 Kilometer fast durchgängig WW IV mit Stellen WW V. Die Namen einiger Schlüsselstellen sprechen eine deutliche Sprache: Double Waterfall, Staircase (Treppenhaus), Ponytail Falls, Corkscrew (Korkenzieher), Killer Falls, Disappearing Falls, Big Rapid usw. Wir saßen in dem einzigen von acht Rafts, das sich nicht Heck über Bug überschlug. Aber durchgeschüttelt wurden wir wie noch nie im Leben. Immerhin: das Wasser war warm, die Luft heiß.

Diese Raft-Tour war DER Höhepunkt, der selbst schnorcheln am Great Barrier Reef, Helikopter und Kleinflugzeugflüge und, und, und… in den Schatten stellte.

Und jetzt sind wir wieder zu Hause und freuen uns über zwei Aussie-Flusspunkte.

Wolfgang Oertel





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