Nächstes Jahr Oder, oder?


Das waren die Überlegungen der Gepäcktourfans  Schmidt und Oertel im Jahre 2004. Zwei weitere befreundete Ehepaare waren auch interessiert.

Aber was wird aus unseren Autos? In Polen? Die Lösung: Der Sportverein Rotation in Schwedt an der Oder lud uns ein, unsere Fahrzeuge auf dem umzäunten Vereinsgelände abzustellen und uns nach Breslau fahren zu lassen.

Am Sonntag, dem 10.07.2005 trafen wir uns auf dem Gelände der Rotation. Abends ging es in die Stadt Schwedt. Die Stadt wurde nach der Wende großzügig saniert, aber die Papierfabriken, von denen die Stadt lebte, machten dicht. So wanderte etwa die Hälfte der 60.000 Einwohner in den Westen ab.

Am Montag wurden wir mit VW-Bus und Bootshänger abgeholt. Es ging Richtung Breslau, ca. 450 km Fahrtstrecke. Die polnischen Zöllner warfen nur einen gelangweilten Blick auf unsere Ausweise. Anfangs wirkte alles noch recht deutsch: Geschäfte mit deutscher Reklame, alle Preise in Euro. Daneben viele Wechselstuben, in denen man Euro in Zloty umtauschen konnte. Nach schier endloser Fahrt über mäßige Straßen erreichten wir unser Ziel: Breslau, Camping  Sleza, direkt an der Odra (so heißt die Oder auf polnisch). Ein Platz  mit dem Standard unserer 50er Jahre. Aber kaum 100 Meter entfernt befand sich das romantische Restaurant Wodnik (auf Deutsch: Wassermann) mit polnischen Spezialitäten und Preisen. Wir genossen unseren letzten Abend in der Zivilisation.

Am nächsten Vormittag: Stadtbummel durch die Altstadt von Breslau, die nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll rekonstruiert worden ist. Nachmittags Start zu unserer Gepäcktour. 

Der Stadtplan zeigte mehrere verzweigte Wasserläufe, z.T. mit Wehren und Schleusen. Wir fragten Einheimische, aber ohne Erfolg: entweder konnten sie weder Deutsch noch Englisch oder sie hatten keine Ahnung vom Flusssystem. Wir entschlossen uns, die Stadt über die Alte Oder östlich zu umfahren. Das erwies sich als richtig. Allerdings mussten wir zwei Schleusen passieren, was mit erheblichem Zeitaufwand verbunden war. Denn die Schleusenwärter mussten „geweckt“ werden, da sie nicht mit Beschäftigung rechneten. Vor der dritten Schleuse war dann Schluss für den Tag. Wir schlugen unser Lager auf der Schleuseninsel auf. Prompt kam ein Pole und machte uns gestenreich klar, dass das verboten sei. Wir machten ihm gestenreich klar, dass wir nichts verstünden. Er winkte gestenreich ab und ließ uns in Ruhe. Unsere erste Nacht an der Oder.

Es folgte der erste richtige Tag auf der Oder: Kaum Strömung, zugewachsene Ufer und Angler ohne Ende. Sollte das der wahre Charakter der Oder sein? Er war es nicht! Die vierte Schleuse bei Brzeg Dolny Waly sollte die letzte auf den folgenden 400 km sein.

Und nun wurde die Landschaft immer einsamer, die Zahl der Vögel immer größer, die der Angler immer geringer. Einige Angler, die uns als Deutsche identifizierten, riefen uns „Gutte Rraise!“ nach. Überhaupt waren alle Polen, denen wir begegneten, sehr freundlich und hilfsbereit. Unsere Ängste, bestohlen zu werden, schwanden schnell. Wir ließen beim Einkaufen die gepackten Boote unbeaufsichtigt am Ufer liegen. Nie machte sich jemand daran zu schaffen.

Tagelang die gleiche Szenerie: Grüne, meist dicht- und hochbewachsene Ufer in flacher Landschaft. Am Horizont sah man Höhenrücken, die Reste eiszeitlicher Moränen. Ansiedlungen? Selten und meist hinter Deichen versteckt. Einkaufen konnten wir in den Dörfern bei Fähren. Brücken über die polnische Odra sind selten. Meistens kauften wir die Dorfläden leer, denn es gab nicht allzu viel zu kaufen.

Erste größere Stadt nach Breslau war Glogov, das ehemalige Glogau. Auch diese im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörte Stadt ist liebevoll restauriert worden. Hier zeigte sich exemplarisch das Gesicht Westpolens im 21. Jahrhundert: Brachflächen und Fabrikruinen neben wunderschön restaurierten oder neu gebauten Gebäuden. Weiter ging es in nahezu unveränderter Landschaft. Schiffsverkehr auf dieser internationalen Wasserstraße: In 14 Tagen 12 Schiffe, davon sechs an einem Tag im Bereich Frankfurt/Oder. Wir passierten einige größere Orte wie Bytom Odranzki,  Nova Sol und Krozno Odranski, wo wir in Supermärkten fast „westlich“ einkaufen konnten. Nur die Preise waren polnisch, d.h. billig.

Die Landschaft blieb weiterhin gleich: Grüner Bewuchs, kaum landwirtschaftliche Nutzung. Übernachtungsplätze zu finden war  wegen des Bewuchses nicht ganz einfach. Aber da, wo sich Angler aufgehalten hatten, war der Bewuchs niedergetreten. Hier fanden sich ideale Zeltplätze, die man häufig allerdings erst vom Unrat reinigen musste.

Oder-Kilometer 542,4: Von links mündet die Lausitzer Neiße ein Ab hier bis km 704,1 ist die Oder Grenze zwischen Deutschland und Polen. Daran erinnern rechts und links gelb-rot-schwarze und rot-weiße Grenzpfähle. Wir erlebten keinerlei Grenzkontrollen auf dem Wasser. Wir passierten die ehemaligen DDR-Vorzeigestädte Eisenhüttenstadt und Frankfurt/Oder. Aber sie sind vom Wasser aus sehr schwer zu betreten, ebenso wie das polnische Kostrzyn (Küstrin). Wir hielten uns an das linke, das deutsche Oderufer. Hier lagen mehrere kleine Dörfer hinter dem Deich. Die hatten fast immer sehr attraktive Restaurants, aber selten Einkaufsmöglichkeiten. Wir kamen mit unseren Vorräten aus, bunkerten nur hin und wieder Trinkwasser in Restaurants.

Ab etwa km 680 nahm die Strömung spürbar ab; die Oder wurde zum recht langweiligen, sturmanfälligen  Wasserweg. Deshalb bogen wir bei km 697 ab in die Schwedter Querfahrt. Nach Schleusung und ca. drei km der Hohensaaten-Friedrichsthal-Wasserstraße südwärts erreichten wir das Gelände der Rotation. Hier endete unsere Oderfahrt über etwa 460 km, eine Fahrt, die sich gelohnt hat und die wir nicht missen möchten.

Wolfgang Oertel


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