Drei Wochen im Nirgendwo


Sie hatte es sich nun mal in den Kopf gesetzt. „Sie“, das ist meine bessere Hälfte Gisela. Und in den Kopf gesetzt hatte sie sich, vom McQueston Lake nach Dawson City zu paddeln. Irgendwo hatten wir gelesen, dass das geht....

Okay, der größte Teil der Strecke war klar: Beaver River – Stewart River –Yukon River bis Dawson City. Aber wie kommt man über den Beaver River zum Steward River? Wir hatten erfahren, dass es eine Route gibt vom McQueston Lake über mehrere Creeks und Seen. Aber die Beschreibungen dieser Creek-Seen-Route waren sehr vage. Eine grobe Beschreibung der Tour machte echt Mut: „Die Seen und Zuflüsse sind eher ein Puzzle als eine Kanufahrt....Das Problem ist es, die Umtragestellen von Gewässer zu Gewässer zu finden....“ Aha! Das Problem sind also die Umtragestellen! Dazu heißt es u.a.: „1. Portage: Finden Sie eine hohe Fichte mit eingeschlagener Markierungam rechten Ufer.“ Das ganze Gebiet ist mit hohen Fichten bewachsen. Und wie könnte die Markierung aussehen? „2. Portage: Da müsste ein großer Baum sein, der kurz vor Beginn des Pfades schräg über den See ragt....Es könnte sein, dass er mit einem Band markiert ist.“ Na toll! Es könnte sein... und Bäume, die schräg über den See ragen, gibt es massenhaft!

Aber sie hat es sich nun mal in den Kopf gesetzt.

Im Trading Post in Dawson City trafen wir Colm Cairn, einen erfahrenen Kanuten.  Colm hatte davon gehört, dass irgendwann Paddler vom McQueston zum Steward River gelangt waren. Wie tröstlich.

Er selbst kannte die Strecke nicht. Aber er gab uns eine Karte, die den Anfang der Route aus dem McQueston Lake heraus erkennen ließ. Na, das war doch schon etwas!

Wir kalkulierten drei Wochen Fahrzeit und kauften entsprechend Lebensmittel ein.

Abends gegen 19 Uhr 30 lud Colm uns am See ab. Ein paar Angler staunten: „Ihr wollt die Route zum Steward River fahren?  Voriges Jahr haben das ein paar Österreicher versucht. Nach drei Tagen waren sie wieder hier.“

Im Abendsonnenschein gegen 20 Uhr 30 ging es los. Der Karte folgend, hielten wir uns immer am rechten Ufer und landeten in einer „Garage“! Es kostete und eine Sunde Zeit und Tageslicht, bis wir endlich wieder auf dem richtigen Weg zum Seeende waren. Langsam wurde es dunkel. Aber die Ufer des Sees waren sumpfig und zugewachsen. Endlich fanden wir ein Plätzchen für unser Zelt. Wir waren glücklich.

Am nächsten Morgen blies eine steife Brise von schräg hinten. Das hinderte uns aber nicht daran, das Seeende zu erreichen. Ein schmaler Creek  kam uns entgegen. Dass wir einen Creek aufwärts fahren müssen, war den Beschreibungen nicht zu entnehmen. Waren wir richtig? Und wo war die erwähnte „gute Übernachtungsmöglichkeit“? Ein mulmiges Gefühl legte sich auf den Magen. Der Bach war stark verholzt, doch es gab immer eine Durchfahrt. Uns kam unsere jahrzehntelange Kleinflusserfahrung zugute.

Und schon waren wir an einer Verzweigung in einer „Garage“ gelandet. Also zurück und rechts abgebogen. Im „Knick“ hängten wir eine Plastiktüte auf. Die Naturschützer mögen es uns verzeihen, aber vielleicht müssen wir ja zum See, unserem Ausgangspunkt zurück.

Wir erreichten den ersten See, eigentlich eher einen Tümpel. Aber wo  war der Ausgang? Im Uferschilf konnte man einen Wasserlauf erahnen, doch der reichte für eine Befahrung nicht aus. Also aussteigen und Boote durch zunächst knöchel-, dann knietiefen Morast, ziehen.

Verdreckt und verschwitzt erreichten wir den nächsten kleinen See, nur um festzustellen, das der auch keinen Ausgang hatte. Also wieder Boote schleifen, diesmal über festen Boden, allerdings durch Gestrüpp und Wald.

Wir wussten nicht, wo wir waren, trösteten uns aber mit der Gewissheit, dass es hier  im Norden im Sommer ja lange hell bliebe. Den nächsten Creek ging es weiterhin aufwärts, der ersten – beschriebenen – Portage entgegen. Über diese Strecke sagte die Beschreibung: „Wenn Sie zu weit fahren, macht der Creek eine scharfe Linkskurve in Richtung der Berge.“ Aha! Und woran erkennt man an einem kurvenreichen Bach die entsprechende „scharfe Linkskurve“?

Wir erkannten sie auf Anhieb nicht, was wir aber erst bemerkten, nachdem wir mehrere Baumhindernisse umtragen hatten. Die Laune sank kontinuierlich Wo waren wir? Nach kurzer Beratung der Entschluss: Zurück! Wieder die Baumhindernisse umtragen, allerdings diesmal in die andere Richtung. Abwechslung kann ja so belebend sein!

Und dann plötzlich : „Heureka!“ An einem Baum erkannten wir eine „Narbe“ in der Rinde. War das die Markierung? Ja! Bei genauerem Hinschauen erkannten wir auch den verwachsenen Trampelpfad. Das musste der Trail der ersten beschriebenen Portage sein! Und oben auf dem Ufer, im Wald, gab es eine wunderschöne Übernachtungsstelle. Wir nutzten sie und waren glücklich, denn jetzt wussten wir wieder, wo wir waren. Am  nächsten Morgen schleppten wir unseren Kram zum nächsten See. Die Portage war zwar nur 500 Meter lang, aber wir zogen unsere Boote nicht mehr, denn das war doch zu anstrengend. Stattdessen Boote entladen und diese und das Gepäck portionsweise zur  neuen Einsatzstelle tragen. Dazu sind vier bis fünf Gänge nötig. So kommen auch unsere unteren Extremitäten zu intensiver Durchblutung. Bei der Portage stellten wir übrigens fest, dass uns in der Nacht ein Bär besucht hatte. Doch offensichtlich standen wir nicht auf seinem Speiseplan.

Der neue  See war wunderschön mit Seerosen bewachsen. Ein Paradies für Wasservögel. Aber wo war die nächste Portagestelle? Sie sollte „hinter einem schräg stehenden Baum“ beginnen. Mein Gott, wie viele schräg stehende Bäume es hier gab! Glücklicherweise hatte ein netter Mensch,  der vor uns hier gewesen war, eine Bierdose auf einen Ast des Baumes gesteckt. Das Umtragen wurde hier gewürzt vom herzzerreißenden Geheul eines wunderschönen, fast weißen Wolfs am anderen Ufer. Wildnis pur!

Der Ausgang des nächsten Sees war durch einen Biberdamm versperrt. Kein Hindernis für uns, wir waren ja verholzte Bäche gewöhnt. Und  wieder ein Tümpel, und wieder eine Portage. Wieder ein See, aber...diesmal lief der Creek am anderen Ende abwärts! Hurra! Wir hatten die Wasserscheide überquert. Jetzt brauchten wir nur noch dem abfließenden Wasser zu folgen.

Das war allerdings leichter gesagt als getan. Weitere zwei Portagen waren dazu notwendig. Dafür entschädigten uns die Landschaft und die Tierwelt. Nie zuvor sahen wir so kapitale Elche, Bullen und Kühe mit Kälbern. Toll, aber es wurde später und später. Und keine Zeltmöglichkeit am sumpfigen Ufer. Der Creek, dem wir folgten, wurde breiter und schneller. Von rechts kam ein ansehnlicher Bach hinzu. Das musste der Scougale Creek sein. Dann konnte es nicht mehr weit sein bis zum ersten der Clarkes Lakes Da musste man doch eine Übernachtungsstelle finden. Aber vorher gab es noch reichlich Action. Außer Biberdämmen mussten noch zweimal Baumhindernisse überwunden werden, wobei mir meine Aldi-Säge gute Dienste leistete. Hinter einer unübersichtlichen Passage sahen wir die traurigen Reste eines Canadiers. Wie mögen dessen Insassen wohl in die Zivilisation zurückgekommen sein? Der erste der Clarkes Lakes war endlich erreicht. Und tatsächlich, am Seeufer konnten wir unser Zelt aufschlagen. Inzwischen war es 22 Uhr 30. Das war ein langer, anstrengender Tag!

Aber jetzt hatten wir das Schlimmste überstanden. Über die Clarkes Lakes, die Scougale Lakes und den Scougale Creek erreichten wir nach langer Fahrt den Beaver River. Der präsentierte sich wie leichtes Wildwasser, der Isar ähnlich. Herrliche Landschaft, herrlicher Fluss.

Auf dem Beaver River kam es zur Begegnung der besonderen Art. Ein Knacken am Ufer. Wir schauten hinüber und sahen einen veritablen Grizzly. Der sah uns auch, aber wohl nicht deutlich genug. Deshalb stellte er sich auf die Hinterbeine. Booh, war dat Dier jroß! Wollte er uns angreifen? Nein. Er drehte sich um und rannte die Böschung hoch, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Warum wohl? Schade, dass wir keinen Spiegel zu Hand hatten. Jetzt müssten wir bald den Steward River erreicht haben. Aber wir fuhren und fuhren... Dann ging es durch   einen wunderschönen Canyon mit leichtem Wildwasser. Davon stand nichts in der Beschreibung.

Von links kam ein Nebenfluss herein. An seiner Einmündung fanden wir ein kleines bewohntes Anwesen, mit Spuren älterer Besiedlung. Sollte das vielleicht die Einmündung des Lansing River sein? Dann wären wir ja bereits auf dem Steward River gewesen. Das waren wir in der Tat, was wir aber erst am nächsten Tag erkannten, als wir die unverkennbare Einmündung des Hess River passierten. Wir hatten schlichtweg nicht bemerkt, dass der Beaver River inzwischen in den Steward River eingemündet war.

Ruhig zog uns der Steward River nach Westen. Ein behäbiger Fluss mit vielen Inseln und Log-Piles (Holz-Verhauen). Aber wir wussten, dass drei Wildwasserabschnitte auf uns warteten. Doch das zog sich hin, weil der Wasserstand zusehends sank und die Strömung immer träger wurde. Endlich war die erste Wildwasserstelle erreicht, der Five-Mile-Canyon. Mit WW II-III eingestuft sollte das auch mit vollgeladenen Booten kein Problem sein. Wir fuhren ohne Besichtigung durch, zollten anschließend aber doch vollen Respekt. Ein mächtiger Fluss wie der Steward River hat selbst bei Niedrigwasser an solchen Stellen ganz schön Wasserwucht. Und hier in der Einöde durch Kenterung Boot und Ausrüstung verlieren? Also wurden wir sehr, sehr vorsichtig.

Auch am Three Mile Canyon, der mit WW III eingestuft war. Die Stelle sahen wir uns vor der Befahrung an. Dickes Wasser! Aber alles ging gut.

Dann kam Fraser Falls, WW V. Beim Umtragen kam es erneut zur Begegnung der (inzwischen) besonderen Art: Nach über einer Woche Wildnis trafen wir erstmals wieder auf Menschen. Eine Gruppe US-amerikanischer Jugendlicher trug um wie wir. Sehr nette Kids, die irgendwie über den Hess River zum Steward River gekommen waren.

Von nun an ging alles leicht. Das Städtchen Mayo war erreicht. Hier gab es alles: Einen kleinen Supermarkt, einen Liquor Store, ein öffentliches Telefon,  eine öffentliche Dusche und eine Wäscherei. Wir suchen zwar immer die Wildnis, aber es ist doch schön, zwischendurch die Segnungen der Zivilisation genießen zu können. Wir bummelten durchs Dorf, steckten unsere dreckige Wäsche in die Maschine, gingen duschen, dann eine Flasche Stoff kaufen und telefonierten mit der Heimat. Dann gingen wir beim Chinesen (einziges Restaurant in Mayo) essen. Köstlich!

Von Mayo ging es dann gemütlich den Steward und dann den Yukon River hinunter. Keine Probleme mehr, nur noch Entspannung in grandioser Landschaft. Begegnungen mit einem riesigen Schwarzbär und einem possierlichen Stachelschwein würzten die Fahrt.

Nach 20 Tagen und ca. 800 kamen wir wieder in Dawson City an. Es war ein Erlebnis, dessen erstes Drittel man aber nur zähen und erfahrenen Kanuten empfehlen kann.   

Wolfgang Oertel


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