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Und ewig lockt der Rhein

Da paddle ich nun mit ruhigen Schlägen fast in der Mitte des Stromes nach Hause. Der Verkehr ist heute besonders ruhig, und seit über zehn Minuten schon habe ich weder vor noch hinter mir eines der immer nur sporadisch auftretenden Frachtschiffe wahrnehmen können. Ich habe den leichten Wind im Rücken, und es ist ganz still, beinahe feierlich. Vorhin noch zogen schwarze Wolken von Westen her auf. Sie haben sich nun aufgelockert und lassen zwischen sich immer wieder große Stücke blauen Himmels sehen. Ein unglaubliches Blau ist das. Fast kitschig wirkt dieser fantastische Pastellton. Wäre ich mir nicht seiner unbedingten Natürlichkeit so felsenfest sicher wie jetzt, dann müsste ich ihn für einen Fehlgriff in den Farbtopf des Himmelsmalers halten. Auch die Fernsicht ist grossartig heute. Ich liebe es, wenn ich beim Paddeln weit sehen kann. Und wenn viel Wasser um mich herum ist. Heute brauche ich mich kaum zu konzentrieren und kann ein wenig über mein Tun nachdenken, ein bisschen vor mich hin träumen.
Friedlich wie die sonstige Umgebung und die ganze Stimmung ist auch die glatte Oberfläche des Wassers. Jetzt fehlt nur noch eine verwehte Duftspur von Tannengrün und Spekulatius, dann ist die Andeutung von Heiligabend komplett. Aber wir schreiben erst den 15. November, und es liegen noch über fünf Wochen vor uns, die so herrlich frische Luft muss für heute genügen. Weich stampft mein Boot in der langen Dünung, die ein nun doch entfernt passierendes Tankschiff verursacht. Einen blauen Kegel führt es vorn und achtern im Topp. Also fährt es eine brennbare Flüssigkeit oder irgendwelches Gas. Mindestens ein Drittel, wenn nicht gar knapp die Hälfte des Schiffsverkehrs auf dem Rhein muss wohl aus Tankern bestehen. Die größte Zahl transportiert sicherlich Chemie-Erzeugnisse oder Rohstoffe für die chemische Industrie am Rhein. Ich kenne die meisten Schiffsnamen, denn sie pendeln ziemlich regelmäßig flussauf und flußab. Wie ich?
Lange schon treibe ich dieses Spiel, ich habe es vor Jahren "Rhein-Jogging" getauft. Bei anderen Sportarten läuft oder fährt man zum Training doch auch fast immer die gleiche Strecke - wenn man nicht gar die kahlen Wände des Hantelraumes oder Fitness-Studios anschaut. Neulingen oder Uneingeweihten dünkt es schrecklich, das Stromauffahren. Mit einem bisschen Übung und der daraus resultierenden Technik ist es jedoch halb so schlimm. Man "liest" das Wasser wie auf Kleinflüssen, erkennt bald, wo man mal ein paar Schläge weit voll zulangen muss, wo man es dann wieder ruhiger angehen lassen kann. Man lernt die Kribbenköpfe eng zu umfahren, das Boot rechtzeitig in die Verschneidung der Anströmung zu stellen. Man lernt auch, mit den dicht am Ufer entlang passierenden Schiffen umzugehen, die einen mal hinaussaugen und dann wieder hineinschwemmen möchten in die Felder zwischen den Kribben. Schließlich lernt man auch, mit der anfänglichen Verzweiflung umzugehen, wenn man mal auf der Stelle steht und trotz Vollgasleistung nicht vom Fleck kommt. "Weiterpaddeln!", heißt dann die Devise, irgendwann wird es schon wieder vorwärts gehen. An Überheblichkeit grenzt dagegen der Stolz, wenn man mal eine Weile lang mit einem vollbeladen stromauf keuchenden Schubverband Schritt halten kann. Ärgerlich wird es immer, wenn Angler auf den Kribben stehen und ihre Grundangeln weit in den Strom ausgelegt haben. Dann heißt es Umwege machen bis weit in die ärgste Strömung hinaus. Angler wissen solche Bemühungen manchmal zu schätzen und sagen einem das auch. Manchmal rollen sie für einen die Leine ein.
"Wird denn das nicht langweilig?", werde ich manchmal gefragt. Oh nein! Unterschiedliche Wasserstände lassen manchmal die Kribben hoch aufragen, so dass man sie umfahren muss. In der Winterzeit (zuweilen von Oktober bis Juli!) sind sie meistens unterschiedlich hoch überflutet. Oft kann man gemütlich drüber hinweg fahren, manchmal bildet sich ein Rücklauf hinter ihnen, und wenn man den glücklich durchfahren hat, geht es auf der Stauseite quälend schwer und im doppelten Sinne bergauf. Mal rühren kräftiger Wind und dazu die Heckseen von Schiffen das Wasser richtig durch, es ist "unglatt" und man ist froh, eine gut sitzende Spritzdecke zu haben. Mal scheint einem die Sonne voll ins Gesicht, und das Wasser um einen herum funkelt und glitzert. Mal erwischt einen auch ein Regenschauer. Die einzelnen Schwanenfamilien am "Langeler Lido" kennt man und beobachtet das Aufwachsen der Jungen, schaut ihren ersten Flugversuchen zu. Verschiedene Enten-,Gänse- und Möwenarten, Graureiher, Blässrallen, Seeschwalben, meistens einzeln aber auch manchmal in kleinen Schwärmen auftretende Kormorane nimmt man wahr, redet ihnen begütigend zu, damit sie beim Annähern nicht gleich erschreckt auffliegen. Mit dicht vorbei paddelnden Schwänen rede ich stets - meistens legen sich dann Unmut und Flügeldecken.
Und dann habe ich auch eine Vorliebe für die auf dem Rhein verkehrenden Schiffe. Fast immer sind Länge, Breite und Tonnage auf seitlich angebrachten Tafeln oder Aufschriften vermerkt. Die allergrößten sind 135 m lang und über 16 m breit, ein modernes Standardmaß ist 110 m Länge und 11,40 m Breite. Das Gros ist zwischen 80 und 100 m lang. Große französische Schubverbände mit vier vorgespannten Leichtern sind im allgemeinen um die 185 m lang und an die 20 m breit und verdrängen voll beladen bis zu 8000 Tonnen. Viele Nationalitäten begegnen sich hier. Am häufigsten scheinen die Holländer vorzukommen, die Angehörigen der klassischen Spediteursnation schlechthin. Am zweithäufigsten sehe ich Deutsche, dann Belgier, Schweizer, Franzosen, Luxemburger, gelegentlich sogar Österreicher oder Polen. Bei hohem Wasserstand manchmal aufkommende Küstenmotorschiffe fahren oft unter zypriotischer Flagge, oder was immer der verwitterte Lappen am Heck aussagen will. Im Sommer wundere ich mich oft über die gar zu spärlich besetzten Fahrgastschiffe der Köln-Düsseldorfer Reederei und anderer. Pleiten, über die man ein halbes Jahr später liest, erkennt man so schon frühzeitig. Die meisten Kreuzfahrtschiffe fahren inzwischen unter schweizerischer Flagge, auch Holländer mit typisch holländischen Namen und KD-Schiffe wie die 'Deutschland'. Die kleinsten Frachtmotorschiffe, oft gut und gerne 50 Jahre alt, werfen die übelsten Heckseen, die größten, modernsten meistens überhaupt keine. Große Spezialschiffe haben bis zu 100 Container an Bord, die an Zahl allmählich zunehmenden 135 m-Riesen noch gut ein Drittel mehr. Und dann sind da im Sommer die vielen Boote und Yachten. Man winkt sich zu, wenn man dicht aneinander vorbei fährt. Ganzjahres-Rheinfahrer sind speziell die Ruderer, und man begegnet ihnen auch im Winter. In dieser Beziehung sind sie sogar noch etwas unermüdlicher als viele Kanuten.
Man lernt auch, mit den Schiffen umzugehen. Zu fürchten braucht man sie nicht, wenn man sie nur respektiert. Sie sind die Herren der Fahrrinne, und wir Paddler halten uns da möglichst raus. Selbst in diesem Club herrscht ja noch vielfach der Irrglaube an Gleichberechtigung oder so. Nur, weil dem einen oder anderen schon mal ein Schiff ausgewichen zu sein scheint. Natürlich wird es jeder Schiffsführer tunlichst vermeiden, einen armen kleinen Paddler zu überfahren, wenn er ihn rechtzeitig sieht. Aber er ist auch im Recht, wenn er zornig sein Horn ertönen lässt und wütend die Faust schüttelt. So ein langes Schiff reagiert langsam auf Ruderlagen, es beginnt erst mal, hinten herum zu schwenken. Und bremsen, womöglich stromab und aus 25 - 30 km/h? Dabei gehen ein bis zwei Kilometer drauf, falls es überhaupt ohne Wenden klappt. Und wenn das Schiff bei Ausweichbewegungen auf Grund läuft oder mit einem anderen kollidiert, dann wird der Paddler zur Kasse gebeten. Auch so kann schon ein saftiges Bußgeld fällig werden, wenn man ein Schiff behindert und die Wasserschutzpolizei herbei gerufen wird. Der Kölner Wasserschutz zeigt im allgemeinen ein Herz für Paddler, die Bonner dagegen greifen ziemlich rigoros durch.
Langeweile? Bestimmt nicht. Wer sich eh für den Rhein interessiert, erlebt ihn vom Wasser aus am intensivsten. In etwa einer Viertelstunde bin ich von Urbach her am Bootshaus, im Sommer meistens mit dem Fahrrad. Schnell habe ich mich umgezogen und trage mein Boot hinunter zur Hafenrampe. Mit kurzen Strecken stromauf fing ich im Winter '96 an, noch im Spätsommer des gleichen Jahres paddelte ich zum ersten Mal bis nach Mondorf. Das nimmt hin und zurück den größten Teil eines Sonntags in Anspruch und ist insgesamt recht anstrengend, kann unter ungünstigen Bedingungen mehr Frust als Lust wecken. Heute habe ich mal wieder meine Standardstrecke bis zum Anleger der Personenfähre in Lülsdorf gemacht, ehrliche neun Kilometer stromauf. Mit Rückfahrt bin ich dann immer, pausenlos paddelnd, knapp drei Stunden auf dem Wasser. Oft wechsle ich in Lülsdorf auf die andere Seite und fahre drüben wieder herunter. So wird, wenn man so will, immer eine kleine Rundfahrt draus. Fahre ich dann frisch geduscht nach Hause, fühle ich mich tief zufrieden. Muss ich mal länger als eine Woche pausieren, dann werde ich unlustig, weil mir die gewohnten Glückshormone oder Endorphine fehlen. Darum treibe ich es das ganze Jahr über, nur bei Frost muss ich aussetzen. Schon traditionell geworden sind meine Neujahrsmorgens-Paddelei und vor allem die Heiligabend-Nachmittagstour. Nicht wenige Freunde aus dem Club haben mir irgendwann einmal vom Uferweg aus zugewinkt, Olaf Prien hat mich schon mal, mit seinem Dienstboot auf- und abwärts pendelnd, bis nach Wesseling begleitet.
Natürlich kann und will das alles kein Ersatz sein für richtiges Wanderpaddeln, das bei mir auch nicht gar zu kurz kommt. Aber dies hier ist Paddeln mal so schnell zwischendurch, ohne die Suche nach Mitfahrern, ohne Autotouren oder sonstige Logistik. Und es ist ein gutes körperliches, weil schweisstreibendes Training, bei dem auch die Seele nicht zu kurz kommt. Als ich 1985/86 damit begann, musste ich mich bald darauf allmählich neu einkleiden. Die früheren Hosen habe ich jahrelang aufgehoben, falls ich doch mal wieder um die Mitte herum zulegen würde. Kürzlich gab ich auch die letzten in die Altkleidersammlung. Paddeln gegen den Strom modelliert den Körper nicht unwesentlich. Oben wird man etwas breiter und in der Mitte schlanker. Viele von uns streben genau das an, unternehmen dafür die oft abenteuerlichsten Ersatzhandlungen. Warum nur? Wir sind doch Paddler und können das alles nebenher bei unserer liebsten(?) Beschäftigung haben. Während der Sommerzeit kann man ohne weiteres abends noch ein bisschen aufs Wasser, ist die Uhr erst mal zurückgestellt, dann geht das nur noch am Wochendende oder an Feiertagen. Um die dabei anfallenden Kilometer geht es mir eigentlich überhaupt nicht.
Lars Waegner 
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